Hamburgs Gängeviertel — einmal verkauft und wieder retour?

Eigentlich schien alles klar zu sein: Im Jahr 2008 verkaufte die Stadt Hamburg ein etwa 7.000 m² großes Teil von seinem Gängeviertel an den Investor Hanzevast aus den Niederlanden. Bis 2011 sollte das alte Arbeiterviertel für etwa 50 Millionen Euro zum Szeneviertel umgebaut werden. Dann kamen die Künstler. Sie besetzten die Häuser und protestierten. Und nun scheint es so, als würde Hamburg sein Gängeviertel wieder zurückkaufen. So kann’s gehen.

Hygiene? Fehlanzeige!
Eine bevorzugte Wohngegend Hamburgs war das Gängeviertel lange Zeit eher nicht. Das Viertel befand sich teils in Hamburgs Alt- und in der Neustadt und auf dem Großen Grasbrook, einem Teil der Insel Grasbrook. Ganz eng standen hier die Häuser beieinander und die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Noch Ende des 19. Jahrhunderts nannte der Arzt und Mikrobiologe Robert Koch die dortigen Wohnungen Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim. In späteren Jahren wurden Teile des Viertels abgerissen; das, was blieb, hieß zeitweise bei manch einem Hansestädter „Verbrecherquartier“, für andere war es schlicht ein Arbeiterviertel mit hoher Zustimmung zur Politik der KPD.

Ein Verkauf und eine Hoffest genannte Besetzung (ein Besetzung genanntes Hoffest?)
2008 war vom alten Gängeviertel nur noch ein kleiner Rest vorhanden, der noch kleiner werden sollte. Ungefähr zwölf Häuser stehen auf dem 7000 Quadratmeter großen Areal, das damals an Hanzevast verkauft wurde. Alle Häuser gelten weitgehend als Original-Altbauten. 80 Prozent dieser Bauten, so hieß es damals, sollen dem neuen Szeneviertel weichen. Doch dann kamen die Künstler. „Komm in die Gänge“ heißt eine Initiative, die nach eigenen Angaben am 22. August 2009 damit begonnen hat, im Gängeviertel ein kulturelles Hoffest zu veranstalten, das bis heute nicht beendet ist. 10.000 Besucher erlebten in diesem Zeitraum Performances, Party und Ausstellungen. Wo die einen von Hoffest sprachen, gebrauchten andere allerdings den Begriff „Hausbesetzung“. Von militanten Hausbesetzern waren die Künstler im Allgemeinen aber entfernt. „Wir bleiben, bis der Senat mit uns redet oder bis wir rausgeschmissen werden“, sagten sie damals sinngemäß. Und sie machten sich Gedanken, wie die Zukunft des Gängeviertels aus ihrer Sicht aussehen könnte. Sie entwarfen ein Konzept eines Wohn- und Arbeitsraums sowie eines soziokulturellen Zentrums Gängeviertel. Das… war nicht ganz im Sinne von Hanzevast.

Viel Lärm um Nichts?
Zwischenzeitlich sah es so aus, als würden sich die Hanzevast-Pläne von selbst erledigen, als würde die Finanzkrise den niederländischen Investoren einen Strich durch ihre Rechnung machen und als würden die die Rate für den Kauf des Grundstücks schuldig bleiben. Dann zahlte Hanzevast doch noch und der Konflikt ums Gängeviertel schien sich weiter zuzuspitzen. Allerdings fand die Stadt Hamburg die Ideen der Künstler rund um die Zukunft des Gängeviertels mit einem Mal ganz sympathisch und es deutete sich eine interessante Wendung der Geschichte an. „Hamburg will Hanzevast den Gängeviertel-Vertrag abkaufen“ titelte etwa das Hamburger Abendblatt am elften November. Wenn das stimmt, könnte man Shakespeare zitieren und die ganze Angelegenheit „Viel Lärm um Nichts“ nennen. Man könnte es bedauern, dass jenes geplante Szeneviertel nun nicht entsteht oder aber sich freuen, dass jetzt vielleicht ganz andere Pläne Realität werden. Fakt scheint zu sein, dass Hamburg das Gängeviertel verkauft hat und nun zurückkauft und es ist gut möglich, dass das Zurückkaufen mehr kosten wird als das Verkaufen damals eingebracht hat. Da kommt dann schon irgendwie die Frage auf, ob sich das nicht irgendwie hätte verhindern lassen. Hätte es sich verhindern lassen?

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